Das TV-Duell Merkel gegen Schulz

Das TV-Duell Merkel gegen Schulz –
Dauernickende Kontenance gegen sedierten Terrier (Video)Körpersprache boomt! Vor allem im Wahlkampf! Worte treten fast schon in den Hintergrund, weil sich CDU und SPD inhaltlich sooo ankuscheln.
Meine Körperspracheanalyse bei dem Sender ntv über das TV-Duell der Parteigiganten war darauf fokussiert, wer von beiden (Merkel oder Schulz) die Wähler durch seine Körpersprache gewonnen oder verloren hat.
Es gibt tatsächlich einfache Auslöser, die uns einen Menschen vertrauenswürdig oder eben nicht vertrauenswürdig erscheinen lassen.
Hier die körpersprachlichen Merkmale des TV-Duells, die unbewusst auf uns gewirkt haben:

Stand
Frau Merkel hatte einen fast durchweg festen Stand und wirkte dadurch souveräner als Herr Schulz, der viel Seitwärtsbewegung in seinem Körper hatte. Er wirkte unruhig auf den Zuschauer. Man darf nicht vergessen, dass die Kamera jede Bewegung noch einmal größer erscheinen lässt, weil der Zuschauer nur den jeweiligen Bildausschnitt zu sehen bekommt.
Wir assoziieren in unserem Steinzeitgehirn, dass Ruhe im Körper etwas Gutes ist. Unruhe löst in uns Unsicherheit aus. Denn ein Mensch, der angespannt und unruhig wirkt, löst in uns das Gefühl aus: „Hier könnte gleich ein Säbelzahntiger aus dem Busch springen“ Ein fester Stand wirkt auf uns so, als habe der Mensch die Situation unter Kontrolle.

Haltung
Martin Schulz wirkte durch den nach vorne gebeugten Kopf und die nach vorne geneigte Haltung klein. Seine rechte Schulter hielt er tiefer als die linke und vermittelte so das Gefühl, er lehne sich öfter zu Frau Merkel hinüber. Die aber hatte ihre ihm zugewandte linke Schulter höher, so dass sie wie eine Art „Mäuerchen“ zu ihm bildete.

 

Blickkontakt
Bemerkenswert im Kontakt zu Schulz war, dass sie ihn nur anblickte, wenn er sprach und sofort wegblickte und die Moderatoren ansprach, wenn sie selbst das Wort ergriff. Somit wendete sie sich immer mehr dem Publikum zu als er und ließ ihn durch Vermeidung des Blickkontaktes „abtropfen“.
Martin Schulz blickte sie häufig an und suchte den Kontakt.

Kopfhaltung
Martin Schulz verlor häufig den Kontakt zu den Zuschauern, weil er ihnen wenig Blickkontakt zu seinen Augen gewährte. Das war der tiefen Kinnhaltung geschuldet. Dadurch rutschte sein oberer Brillenrand vor seine Augen und der Zuschauer konnte ihm nicht gut „in die Augen blicken“. Wir brauchen aber den Blickkontakt, um Informationen über unser Gegenüber zu bekommen. Nicht umsonst heißt es „Die Augen sind das Tor zur Seele“.

Gesten
Das andauernde Kopfnicken von Frau Merkel war bemerkenswert geschickt. Sie hat dadurch fast schon ein stoisches „Mitnicken“ beim Zuschauer ausgelöst. Das wiederum wirkt auf unser Unterbewusstsein. Wenn wir im Körper etwas tun, wirkt das auf unser Gehirn. Nicken löst in uns unbewusst aus: „Ja, stimmt. Ja, richtig.“

Sprechweise
Die Stimme von Herr Schulz tönte weit hinten im Rachenraum. Angenehmer wirkt aber eine vorne sitzende Stimme. Das lässt sich leicht trainieren. Zudem klang die Stimme brüchig. Je klarer und sauberer die Stimme klingt und damit auch die Worte, desto angenehmer fasst unser Unterbewusstsein den Menschen auf, von dem sie kommt. Klarheit und Sauberkeit in der Stimme und Sprechweise assoziieren wir mit Kompetenz.

Blinzeln
Beide haben höher frequentiert geblinzelt als die Moderatoren. Das bedeutet, dass nicht die trockene Studioluft schuld war, sondern die Anspannung.

Lächeln
Beide haben zu Beginn freundlich gelächelt, was aber der Konzentration auf die Inhalte im weiteren Verlauf zum Opfer fiel. Schulz bemühte sich um ein aufgesetzt wirkendes Lächeln, Merkel setzte zwischenzeitlich abschätziges Schmunzeln ein, um ihren Status zu behaupten.

Kleidung
Beide Blau, die eine mehr, der andere weniger. Politisch unauffällig schien die Devise zu sein. Blau ist eine Businessfarbe, die mit Stärke, Durchsetzungskraft und Struktur verbunden wird.
Merkel wählt eine silberne Kette, die sie im Wahlkampf hier und da trägt. Silber ist bescheidener als Gold und wirkt unprotzig.

Schlusswort
Beim Schlusswort an die Wähler fanden beide nicht die richtige Kamera, um den Zuschauer direkt anzusprechen, ihm in „die Augen zu blicken“. Martin Schulz suchte bis zum bitteren Ende „seine“ Kamera und es gelang ihm dadurch wenigstens ein paar Sekunden direkten Kontakt zum Zuschauer aufzunehmen. Angela Merkel fand sie nicht. Sie sprach ihr Schlusswort am Zuschauer vorbei.

Zu dem 5-Kampf der kleinen Parteien noch ein Kommentar:
Cem Özdemir (Grüne)– Augenbrauen hoch „Glaub mir doch!“
Alice Weidel (AfD)- Fremdwortinflation mit überheblichem Lächeln „Ihr seid doch alle zu bemitleiden“
Sahra Wagenknecht (Linke) – Augen hetzen durch den Raum, ohne Blickkontakt aufzunehmen
Christian Lindner (FDP) – Ruhige Körpersprache, moduliert gut mit der Sprache
Joachim Herrmann (CSU) – Statue „Wenn ich mich nicht bewege, mache ich nichts falsch“

Unterm Doppelstrich:
Eine gute bzw. situationsadäquate Körpersprache kommt von innen. Politiker gewinnen Wähler nicht nur über die entsprechenden Inhalte, sondern auch über Körpersprache, die Vertrauen in uns hervorruft. Die uns zeigt, dass er oder sie eine kompetente Führungskraft ist, die unser Stadt oder Land in die richtige Richtung führen kann. Blickverhalten, Haltung, ruhige Gesten, eine gute Aussprache, aber auch spürbare Energie und Leidenschaft für die Sache, die sie/er vertritt, spielen dabei eine große Rolle. Gute Körpersprache kann man trainieren. Ich weiß das, ich hatte früher eine katastrophale Haltung und Aussprache.

Politiker wollen keine Show abziehen, sie wollen authentisch sein. Hätte Schulz ein bisschen weniger authentisch gezappelt, ein bisschen weniger authentisch sein Kinn gesenkt und ein bisschen weniger authentisch den Blick zu Merkel gesucht, hätte er vielleicht im Duell gegen Merkel gewonnen. Vielleicht. Ganz vielleicht.